Core War: Drei Kronen auf dem Königstuhl
Ein Nebenprojekt, das so gar nichts mit Funk zu tun hat - dafür aber mit einer anderen alten Leidenschaft: dem Programmieren. Es geht um Core War, eines der ältesten Programmierspiele der Welt, und um den Weg, gemeinsam mit KI ganz nach oben zu kommen. Das Ergebnis vorweg: Seit dem 14. Juli 2026 stehen auf dem historischen 94nop-Königstuhl drei Kronen mit unseren Warriors. Angefangen hat alles im März - mit Rang 654.
Was ist Core War?
Core War wurde 1984 von A. K. Dewdney in seiner Kolumne im Scientific American vorgestellt. Dabei treten kleine Programme - sogenannte Warriors - im Speicher eines virtuellen Computers gegeneinander an. Die Arena ist der „Core": ein ringförmiger Speicher aus 8000 Zellen. Beide Programme werden an zufälligen Positionen geladen und führen abwechselnd Instruktionen aus. Ziel ist es, sämtliche Prozesse des Gegners zum Absturz zu bringen - wer als Einziger überlebt, gewinnt die Runde.
Geschrieben werden Warriors in Redcode, einer Assemblersprache mit nur wenigen Befehlen, aber enormer taktischer Tiefe. Über die Jahrzehnte hat die Community ein Ökosystem von Strategien entwickelt, das einem Stein-Schere-Papier-Spiel gleicht: Bomber („Stone") verteilen blind Sprengfallen im Speicher, Replikatoren („Paper") kopieren sich schneller, als man sie zerstören kann, und Scanner suchen den Gegner gezielt und schlagen dann präzise zu. Dazu kommen Quickscanner für die ersten Mikrosekunden des Kampfes, Imps, Decoys und vieles mehr. Moderne Spitzen-Warriors sind Hybride, deren Komponenten über Jahre co-evolviert wurden.
Gespielt wird auf Hills: fortlaufenden Online-Ranglisten, bei denen jeder neue Warrior gegen alle vorhandenen antritt. Unser Ziel war der 94nop-Königstuhl von Christoph Birk - ein „ewiger" Hill nach dem ICWS'94-Standard mit über 1100 Warriors aus mehr als drei Jahrzehnten Core-War-Geschichte. An seiner Spitze stand seit langem Azathoth von John Metcalf, einem der bekanntesten Autoren der Szene.
Der Königstuhl - und ein Dankeschön
Dass es diesen Ort überhaupt gibt, hat dieses Projekt erst möglich gemacht: einen Hügel, auf dem sich heutige Programme mit drei Jahrzehnten Warrior-Kunst messen können, seit Jahrzehnten gepflegt und offen für neue Einreichungen. Dafür ein herzliches Dankeschön an Christoph Birk - dieser Beitrag ist auch eine kleine Verbeugung vor diesem Engagement. 73 de DM2TIM.
Drei Kronen (Stand 14.07.2026)
Rang 1 · recursive
Rang 1 · +0,49 vor King Cobra
Rang 1 · vor Arvon (Rang 2)
Vier Instanzen, ein Bus
Hinter den drei Kronen steht kein einzelnes Programm, sondern ein Verbund aus vier KI-Instanzen, die über denselben dateibasierten Nachrichtenbus („pf") kooperieren - jede mit eigenem Projekt und eigener Rolle:
corewars
Die Warrior-Schmiede: Entwicklung, Optimierung und Einreichung der Warriors, dazu Analytik und externe Benchmarks.
koth
Der eigene Hill-Server (FastAPI + SQLite): nimmt Warriors an, rechnet alle Kämpfe über die Engine durch und veröffentlicht die Ranglisten - drei Hills parallel.
pmars
Die Engine rmars: ein Rust-Neubau des Simulators pMARS 0.9.6, bitidentisch zum Original, mit In-Process-Python-API und Analyse-Instrumentierung.
vserver
Infrastruktur und Betrieb: betreibt und härtet die Server, unter denen der Hill-Server und das verteilte Rechnen laufen.
Der Weg zur Krone
| Warrior | Datum | Rang |
|---|---|---|
| Carbonite | 05.03.2026 | 654 |
| clrsrc | 09.07.2026 | 24 |
| pst_v3 | 10.07.2026 | 2 |
| pst_v4 | 11.07.2026 | 2 |
| Arvon | 12.07.2026 | 1 - Krone Königstuhl |
| Kaitain | 13.07.2026 | 7 - Kronen TOP-50 und Battle Royale |
Februar/März 2026 - Generation 1: Evolution. Der erste Ansatz war ein klassisches Evolutionssystem: Populationen von Warriors, Mutation, Selektion über Schweizer-System-Turniere. Das Ergebnis war ernüchternd und lehrreich zugleich - die erste Hill-Einreichung (Carbonite) landete auf Rang 654. Blinde Evolution findet in einem 40 Jahre alten, hochoptimierten Ökosystem keinen Anschluss.
Anfang Juli 2026 - Generation 3: „Architekt statt Generator". Der Neustart drehte den Ansatz um: Statt Warriors zu züchten, werden bewährte Architekturen verstanden, nachgebaut und datengetrieben optimiert - direkt gegen einen lokalen Schnappschuss des kompletten Hills mit deterministischen, reproduzierbaren Messungen. Der erste so entstandene Scanner (clrsrc) erreichte Rang 24.
10. Juli - Klassenwechsel und Durchbruch. Die Verlustanalyse zeigte: Die Scanner-Klasse hat gegen die Paper-Flut des Hills eine strukturelle Decke. Also Klassenwechsel zu Paper/Stone. Der Schlüssel lag im Launcher des Spitzenreiters Azathoth - einem raffinierten parallelen Boot-Mechanismus, den wir Instruktion für Instruktion im Debugger nachvollzogen und mit eigenen Konstanten neu aufgebaut haben. pst_v3 erreichte Rang 2 - nur 0,85 Punkte hinter Azathoth.
11. Juli - Wissenschaft statt Stochern. Für den Rest-Abstand reichte Intuition nicht mehr. Wir bauten ein Coverage-Modell des Quickscanners: Millionen aufgezeichneter Speicherzustände, ein invertierter Index über 25 Millionen Belegungszellen, Fit/Holdout-Validierung. Das Modell fand ein neues Konstanten-Becken und bewies anschließend mathematisch, dass damit das Optimum dieser Scan-Struktur erreicht war. Ebenso wurden Bombe, Boot-Geometrie und Papier durchgemessen - alle Kanäle am Anschlag. Der verbleibende Abstand musste in der einzigen nicht kopierten Komponente liegen: Azathoths Decode-Struktur.
12. Juli - der Decode-Neubau und die erste Krone. Mit neuer Messtechnik (Ausführungszähler, Write-Logs, Einzelrunden-Traces) zerlegten wir beide Quickscanner forensisch: Trefferquote und Präzision waren identisch - der gesamte Unterschied lag in der Latenz zwischen Fund und erster Bombe. Azathoths Trick: ein multiplikatives Zahlengitter, bei dem eine einzige Multiplikation den Fundort exakt rekonstruiert. Wir haben die Gitter-Algebra vollständig hergeleitet, einen Generator für eigene Gitter-Parameter gebaut, jede Variante automatisch auf bitgenaue Decode-Korrektheit geprüft und das Feld gegen den vollen Hill gebencht. Das Ergebnis - Arvon, benannt nach einem der Monde von Arrakis - holte sich Rang 1 auf dem Königstuhl. Die erste Krone.
13./14. Juli - zwei weitere Kronen. Zum Schluss fusionierte Kaitain den robusten Oneshot-Körper von King Cobra (inversed) mit Arvons Gitter-Frontend. Auf dem großen Königstuhl reicht das für Rang 7 - auf den beiden anderen Wertungen des Hills, der TOP-50 und der Battle Royale, aber für Rang 1. Damit tragen drei unserer Warriors alle drei Kronen des Königstuhls.
Werkzeuge und Methoden
- Eigene Engine (rmars): ein kompletter Neubau des Simulators in Rust - bitidentisch zum Original (verifiziert über einen eingefrorenen Regressionskorpus und 1355 Warriors), aber mit In-Process-Python-API, vielfach parallel und statistischem Early-Stopping. Ein kompletter Benchmark gegen 1101 Gegner à 200 Runden dauert heute 3,5 Sekunden - früher viele Minuten.
- Instrumentierung nach Bedarf: Die Engine wuchs im Tagesrhythmus um genau die Messkanäle, die die Analyse gerade brauchte - Heatmaps, Kill-Attribution, Speicher-Schnappschüsse, Positions-Replays und volle Einzelrunden-Traces. Alles opt-in und kostenlos für den schnellen Pfad.
- Datengetriebene Modelle: Coverage-Modelle über Ground-Truth-Speicherdaten statt Bauchgefühl; Fit/Holdout-Trennung gegen Overfitting; deterministische Positionsserien, damit jede Messung exakt reproduzierbar ist.
- Reverse Engineering: Gegner-Mechaniken werden per Trace Instruktion für Instruktion entschlüsselt, als Algebra formalisiert und dann mit eigenen Parametern neu konstruiert - nie blind kopiert, immer mit Attribution.
- Verteiltes Rechnen: Weil die Ergebnisse bitidentisch sind, ließ sich das Vollfeld (über 640 000 Paarungen) trivial verifizierbar auf mehrere Rechner verteilen - Stichproben statt Redundanz-Voting.
Lessons Learned
- Tuning auf kurzen Messserien (200 Runden) overfittet immer - Selektion erst ab 500+ Runden, Bestätigung mit frischen Runden.
- Eigene Hill-Einträge kannibalisieren sich gegenseitig Punkte; Prognosen müssen das einrechnen.
- Performance-Tuning ist mikroarchitektur-abhängig, nie extrapolieren - was auf der einen CPU schneller ist, kann auf der nächsten langsamer sein. Pro Zielplattform messen.
Alle Warriors wurden mit vollständiger Attribution der studierten Vorbilder eingereicht (insbesondere Azathoth von John Metcalf und King Cobra / Eternal Exile von inversed). Dank an Christoph Birk für den Betrieb des Königstuhls.